Migrantisches Grundrauschen

Deutsche Migrationsgeschichte(n) im 19. Bundestag

Mit 8,5% der Abgeordnete, die nach statistischen Kriterien einen sogenannten „Migrationshintergrund“ haben, spiegelt der 19. Deutsche Bundestag quantitativ fast exakt den entsprechenden wahlberechtigten Bevölkerungsanteil in Deutschland. Eine qualitative Betrachtung zeigt aber auffallende interfraktionelle Differenzen, was die Art der repräsentierten Migrationsgeschichten betrifft. An einer Fraktion scheinen die großen Zuwanderungsströme nach Deutschland quasi komplett vorbei gegangen zu sein. Eine Migrationsgruppe ist überhaupt nicht repräsentiert. Eine Recherche.

Der 19. Deutsche Bundestag besteht aus 709 Abgeordneten. Für 60 dieser Abgeordneter kann ein Migrationshintergrund nach der Definition des Mikrozensus recherchiert werden. Demnach hat eine Person einen Migrationshintergrund, „wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil die deutsche Staatsangehörigkeit nicht durch Geburt besitzt.“ (Statistisches Bundesamt, 2016, S. 4)

Im Wesentliche umfasst diese Definition des Mikrozensus die folgenden Personengruppen:

  1. zugewanderte und nicht zugewanderte Ausländer;
  2. zugewanderte und nicht zugewanderte Eingebürgerte;
  3. (Spät-)Aussiedler;
  4. mit deutscher Staatsangehörigkeit geborene Nachkommen der drei zuvor genannten Gruppen. (a.a.O.)

Statistische Repräsentativität

Da Abgeordnete des Deutschen Bundestages per definitionem die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen müssen, kann die erstgenannte Einzelgruppe der „Ausländer“ unter Bundestagsabgeordneten nicht auftreten. Ebenso müssen Abgeordnete per definitionem das passive Wahlrecht besitzen, also mindestens 18 Jahre alt sein. Aus diesen Vorüberlegungen ergeben sich drei Grundgesamtheiten, auf die man die migrationsbezogene Repräsentativität der neu gewählten Abgeordneten beziehen kann (vgl. Abbildung 1). Die 60 Abgeordneten mit identifizierbarem statistischem Migrationshintergrund entsprechen einem Anteil von 8,5% aller Abgeordneten. Dies erscheint im Vergleich zur Gesamtbevölkerung mit Migrationshintergrund (22,5%) zunächst als unterrepräsentativ, wird aber relativiert, wenn man diese Zahl zur Grundgesamtheit der deutschen Staatsangehörigen (11,7%) mit Migrationshintergrund bzw. zum Anteil der Deutschen mit Migrationshintergrund an den Wahlberechtigten (8,9%) in Beziehung setzt. Bezogen auf die letztgenannte Gruppe weist der 19. Deutsche Bundestag ein quantitativ fast exakt repräsentatives Abbild auf.

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Abbildung 1

Aufgeschlüsselt nach den einzelnen Fraktionen ergibt sich jedoch ein sehr unterschiedliches Bild. Die Gegenpole bilden die Fraktionen der CDU/CSU und der Linken. Während die CDU/CSU-Fraktion mit 2,8% einen klar unterrepräsentativen Anteil von Abgeordneten mit Migrationshintergrund hat, sind diese in der Fraktion der Linken mit 18,8% klar überrepräsentiert. Die Anteile in den vier anderen Fraktionen bewegen sich in ähnlicher Größenordnung. (Abbildung 2)

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Abbildung 2

Der Mikrozensus unterscheidet die in Deutschland lebenden Menschen mit statistischem Migrationshintergrund zusätzlich dahingehend, ob sie eigene Migrationserfahrung haben, d.h. im Ausland geboren und im Lebensverlauf zugewandert sind oder ob sie in Deutschland geboren sind und den Migrationsstatus geerbt haben. Abbildung 3 zeigt den Anteil dieser zweiten Personengruppe in Deutschland, unter den Wahlberechtigten, im Bundestag und in den Fraktionen. Hier sieht man große Repräsentationsdifferenzen.

Die im Mikrozensus erfasste Gruppe der in Deutschland geborene Bevölkerung mit Migrationshintergrund ist aus erhebungstechnischen und rechtshistorischen (Änderung des Staatsangehörigkeitsrechts) Gründen sehr jung, nur 18,4% der wahlberechtigten Deutschen mit Migrationshintergrund [1] sind in diesem Datensatz auch in Deutschland geboren. Aus dieser recht kleinen Personengruppe rekrutiert sich jedoch eine Mehrheit der Abgeordneten. 60% der Abgeordneten mit Migrationshintergrund sind in Deutschland geboren. Auffällig und gegenläufig ist hier die AfD-Fraktion. Bis auf einen Parlamentarier haben alle Abgeordneten der AfD-Fraktion mit Migrationshintergrund eigene Migrationserfahrung, d. h. sie sind im Ausland geboren und im Laufe ihres Lebens nach Deutschland eingewandert. Den quantitativen Gegenpol hierzu bildet die SPD-Fraktion. 80% der SPD-Abgeordneten mit statistischem Migrationshintergrund sind in Deutschland geboren.

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Abbildung 3

Die Deutschen mit Migrationshintergrund werden im Mikrozensus noch weiter ausdifferenziert. Die Statistik unterscheidet, ob beide Elternteile („zweiseitiger MH“) oder nur ein Elternteil („einseitiger MH“) einen Migrationshintergrund haben. Auch diese Informationen lassen sich für die Bundestagsabgeordneten bis auf wenige Ausnahmen[2] aus veröffentlichten Angaben, Medienberichten und Interviews rekonstruieren (vgl. Abbildung 4). Hier wird sehr deutlich, dass sich die Abgeordneten mit Migrationsbezug aus einer (allerdings im Mikrozensus untererfassten, siehe Anm. [1] ) sehr kleinen Bevölkerungsgruppe rekrutieren. Besonders auffällig ist die CDU/CSU-Fraktion. Von ihren ohnehin extrem wenigen (insgesamt 7) Abgeordneten mit Migrationshintergrund haben 5 (71%) einen deutschen Elternteil ohne Migrationshintergrund. Auch bei den SPD-Abgeordneten überwiegt dieser Typus des statistischen Migrationsbezugs (9 von 15 Abgeordnete). Auffällig ist auch hier wiederum die AfD-Fraktion, bei der mit einer einzigen Ausnahme alle relevanten Abgeordneten einen zweiseitigen Migrationshintergrund haben.

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Abbildung 4

Bezugsländer

Über die rein quantitative Beschreibung der Migrationsbezüge hinaus eröffnet eine qualitative Betrachtung weitere interessante Einsichten. Welche Migrationsbewegungen der deutschen Geschichte lassen sich bei den Parlamentariern erkennen? Welche Zuwanderungsströme finden sich wieder und welche eventuell nicht? Hierfür wurden für alle relevanten 60 Abgeordneten veröffentlichte Biografien, Medienberichte und biografische Interviewäußerungen recherchiert und ausgewertet. Bis auf wenige Ausnahmen konnte so eine Einschätzung der jeweiligen individuellen Migrationsbezüge gewonnen werden.

Dass sich die oben genannten Fragen nicht durch eine quantitative Auszählung der Bezugsländer erörtern lassen sei am Beispiel Italiens illustriert. Biografien mit italienischen Migrationsbezügen können a) als migrantisches Grundrauschen z. B. durch Heirat b) aus der „Gastarbeiter“-Anwerbung der 1960er Jahre c) aus Wanderung im Rahmen der EU-Freizügigkeit von c1) Italiener/-innen oder c2) Angehörigen der deutschen Minderheit Südtirols stammen. Ähnliches gilt für einige osteuropäische Länder (z.B. Polen oder Tschechien) wo Migrationsbiografien aus a) migrantischem Grundrauschen b) Aussiedlung deutscher Minderheiten c) Asylzuwanderung oder d) EU-Freizügigkeit resultieren können. Für alle gerade genannten Migrationsbezüge finden sich Beispielfälle unter den Abgeordneten des Bundestages. Migrationsbiografien sind eben immer auch individuelle Biografien.

Bei aller Individualität kann man aber dennoch Aggregationen vornehmen. So lassen sich vor allem die Spuren dreier großer Migrationsbewegungen identifizieren.

Arbeitskräftezuwanderung aus Anwerbeländern

Bei 24 der 60 Abgeordneten mit Migrationshintergrund (40%) kann eine Migrationsbiografie mit Bezug zur „Gastarbeiter“-Anwerbung der 1960er und 1970er Jahre (hier: Italien, Spanien, Griechenland, ehemaliges Jugoslawien und Türkei) identifiziert werden. Es handelt sich hierbei überwiegend um die „zweite Generation“, also um Kinder der damals als Arbeitskräfte Zugewanderten. Größte Einzelgruppe darunter sind Abgeordnete mit Wurzeln in der Türkei (18 von 60 = 30%), die sich auf nur drei der sechs Fraktionen (SPD, Linke, Grüne) aufteilen.

Spätaussiedler und Vertriebene

Die zahlenmäßig größte Zuwanderergruppe der letzten Jahrzehnte nach Deutschland sind Aussiedler aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und Angehörige der deutschen Minderheiten in Osteuropa und Russland/Kasachstan. Bei vier der 60 relevanten Abgeordneten (6,7%) (einer davon in der CDU/CSU-Fraktion, drei in der AfD-Fraktion) findet sich dieser Typus von Migrationsbiografie. Hinzu kommen noch – ebenfalls in der AfD-Fraktion – zwei Migrationsbiografien als Vertriebene des Zweiten Weltkrieges. Diese beiden Fälle wurden bei allen vorherigen Berechnungen nicht bei den 60 betrachteten Abgeordneten eingeschlossen, da der Mikrozensus als Bezugsdatensatz Vertriebene ungeachtet ihrer tatsächlichen biografischen Migrationerfahrung ausdrücklich nicht als Personen mit Migrationshintergrund im statistischen Sinne definiert. Würden diese beiden Fälle tatsächlicher Migration hinzugezählt, wo würde sich der Anteil von Abgeordneten mit Migrationsbezug in der AfD-Fraktion auf knapp 11% erhöhen.

Asylsuchende

Zuwanderung nach Deutschland unter dem Oberbegriff des Asylrechts fand in den vergangenen Jahrzehnten aus verschiedensten Weltregionen und mit unterschiedlicher Nachhaltigkeit statt. Unter den gewählten Abgeordneten des Bundestages lassen sich vier Abgeordnete (6,7%) identifizieren, die über Asylrechtszuwanderung nach Deutschland gekommen sind (einer davon in der FDP-Fraktion, drei in der AfD-Fraktion).

Migrantisches Grundrauschen und was fehlt

Nach Identifikation der beschriebenen Gruppen, bleiben 27 der 60 Abgeordneten (45%), deren Migrationsbezüge als „divers“ zusammengefasst werden können. 14 von ihnen (23%) verteilen sich auf Länder, die man im weitesten Sinne als Westeuropa/USA zusammenfassen kann (Belgien, Niederlande, Schweiz, Österreich, Großbritannien, Finnland, Frankreich), die restlichen im Wesentlichen auf afrikanische Länder (Ägypten, Namibia, Senegal) und den Iran. Überwiegend handelt es sich um Zuwanderung durch Heirat, aber auch Auslandsadoptionen sind darunter. Diese Fälle können, was den konkreten Migrationsbezug angeht zu keiner der großen Zuwanderungswellen zugeordnet werden. Sie lassen sich am besten als migrantisches Grundrauschen einer modernen Gesellschaft beschreiben.

Unter den Abgeordneten sind Migrationsbezüge fast aus der ganzen Welt auszumachen – nur eine Weltregion, die laut Mikrozensus immerhin 5,9% der volljährigen Personen mit Migrationshintergrund [3] umfasst, fehlt gänzlich, nämlich Asien. In Deutschland leben immerhin 8,12 Millionen volljährige Personen mit asiatischem Migrationshintergrund [4], unter den neuen Bundestagsabgeordneten ist dieser Typ von Migrationsbiografien aber nicht vertreten.

Fazit

Quantitativ betrachtet repräsentieren die Abgeordneten des 19. Deutschen Bundestages als Gesamtheit die wahlberechtigte Bevölkerung mit Migrationshintergrund sehr exakt, allerdings mit höchst unterschiedlicher Verteilung auf die einzelnen Fraktionen und mit unterschiedlichen Hintergründen. An der CDU/CSU- aber auch an der FDP-Fraktion – scheinen alle Zuwanderungsströme der letzten Jahrzehnte quasi spurlos vorbei gegangen zu sein – sie spiegeln im Kern auf geringem Niveau ein migrantisches Grundrauschen wider. Demgegenüber findet man bei den Fraktionen der Linken, SPD, Grünen und AfD erkennbare Spuren der großen gesellschaftsprägenden Migrationsbewegungen. Linke-, SPD- und Grünen-Fraktion spiegeln erkennbar die Arbeitskräftemigration der 1960er und 1970er Jahre, während die AfD-Fraktion einen migrantischen Mix aus überwiegend aus Zuwanderung von Vertriebenen, Spätaussiedlern und politischem Asyl aus Osteuropa präsentiert.

 

Quellenhinweis:

Die Basisinformationen zu den Migrationsgeschichten der Abgeordneten wurde der Studie „Abgeordnete mit Migrationshintergrund des 19. Deutschen Bundestag“ des Mediendienstes Integration (2017) entnommen. Alle Angaben wurden hinsichtlich der qualitativen Aspekte aus öffentlich zugänglichen Internetquellen nachrecherchiert. Die Menge der untersuchten Abgeordneten differieren, da sich bei der Nachrecherche noch „Neuzugänge“ ergaben.

Alle Angaben zu Daten des Mikrozensus beziehen sich auf folgende Ausgabe:

Statistisches Bundesamt (DESTATIS): Bevölkerung mit Migrationshintergrund – Ergebnisse des Mikrozensus – Fachserie 1 Reihe 2.2 – 2016. Online verfügbar unter https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Bevoelkerung/MigrationIntegration/Migrationshintergrund2010220167004.pdf?__blob=publicationFile , zuletzt geprüft am 10.10.2017.

Anmerkungen:

[1] Die Erfassung und Unterscheidung dieser Personengruppe ist statistisch, erhebungssystematisch und datenschutzrechtlich problematisch. Zuverlässig zu erfassen sind aufgrund der Erhebungssystematik nur Personen, die im gleichen Haushalt mit den Eltern leben – dies dürfte ein Grund für den niedrigen Prozentanteil im Mikrozensus sein. Der Mikrozensus behilft sich daher in einigen Erhebungsjahren mit der zusätzlichen Abfrage des „Migrationshintergrundes im weiteren Sinne“. Dies geschah zuletzt 2013.

[2] Die Datengrundlage für die FDP-Fraktion war für diese Auswertung nicht hinreichend.

[3] Hier ohne Aufschlüsselung nach deutschen und nicht-deutschen Staatsangehörigen, weil im Mikrozensus nicht ausgewiesen

[4] Mikrozensus-Kategorie „Sonstiges Asien“, diese umfasst Zentral-, Ost- und Südasien ohne Kasachstan, Russland und den Nahen und Mittleren Osten

Bildquelle: Wikimedia Commons

 

 

 

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