Wie die AfD-Jugend mit gekürzten Daten zweifelhafte Propaganda macht

Die Jugendorganisation der AfD, deren einer Vorsitzender NRW-Landtagskandidat Sven Tritschler ist, veröffentlichte kürzlich eine Grafik, die den Anteil von „deutschen Kindern“ und „Kindern mit Migrationshintergrund“ an den unter 5Jährigen in Deutschland darstellen sollte, mit dem Kommentar „Früher hätte man das Umvolkung genannt“. Diese Grafik sollte offensichtlich unter – wie das Wort „früher“ zeigt, bewusstem – Rückgriff auf die aus der NS-Zeit stammende Vokabel „Umvolkung“ suggerieren, dass ein irgendwie bedenklich großer Anteil der Kinder keine Deutschen seien (Zahlen fehlten) und damit das rechtsradikal-identitäre Topos des „großen Austauschs“ bedienen. Allerdings war die Grafik – vorsichtig ausgedrückt – nur teilweise faktenbasiert.  Sie basierte dem Augenschein nach auf Daten des Statistischen Bundesamtes, die im Detail hier zu finden sind. Genau aufgeschlüsselt müsste die Grafik demnach so aussehen: migrationshintergrund-kinder

Die Definition des Migrationshintergrundes lautet wie folgt: „Eine Person hat einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil die deutscher Staatsangehörigkeit nicht durch Geburt besitzt.“ Demnach haben 64% der unter 5Jährigen keinen Migrationshintergrund, d.h. sowohl das Kind als auch beide Eltern besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit qua Geburt. Die verbleibende Gruppe teilt sich auf in einen großen Anteil Kinder (29%), die in Deutschland als deutsche Staatsangehörige geboren sind, aber mindestens einen Elternteil haben, der nicht qua Geburt Deutsche/r ist oder war. Ein Anteil von 4% der Kinder ist mit ausländischer Staatsangehörigkeit in Deutschland geboren und ein noch kleinerer Anteil von 3% ist zugewandert. Weitere Details dazu finden sich hier.

Auf dieser (Daten-)Basis kann man die Grafik der „Jungen Alternative“ nur als rechtsradikale propagandistische Stimmungsmache bezeichnen. Sie reiht sich nahtlos ein in den Versuch völkisches Gedankengut salonfähig zu machen. Hier wird eine Bevölkerungsgruppe, die nicht der ethnisch gedachten Kategorie des „Deutschseins“ entspricht, kurzerhand zu „Nicht-Deutschen“ erklärt, quasi statistisch ausgebürgert. Wer einen „Migrationshintergrund“ hat, fällt nicht in die Kategorie Deutsche/r egal, ob er oder sie die deutsche Staatsangehörigkeit hat oder nicht. Liane Bednarz hat in einem grundlegenden Aufsatz darauf hingewiesen, dass sich in solchen Ansätzen

(…)  das völkische Element der Bewegung [zeigt], das auf der Idee des „Ethnopluralismus“ fußt. Was beim ersten Hören nach „Diversity“ und „Multikulti“ klingt, ist in Wahrheit das glatte Gegenteil davon. Denn der „Ethnopluralismus“ zielt darauf ab, dass jedes Volk und jede Rasse – die Szene vermeidet den Begriff „Rasse“ allerdings oft und spricht, weil das harmloser klingt, lieber von „Kultur“ – so homogen wie möglich sein und bleiben soll. Anders als bei Neonazis üblich, werden Herkunftsdeutsche also nicht als überlegen angesehen, aber sie sollen sich möglichst nicht mit anderen „Kulturen“ vermischen. Aus diesem Konzept heraus erklären sich die ausgeprägten Ressentiments der neurechten Kreise gegenüber Flüchtlingen und Migranten. In ihnen sieht man „Fremde“, die das „Eigene“ des „deutschen Volkes“ bedrohen.

Vor diesem Hintergrund weckt der markige, bislang nur als NPD-Parole bekannte Spruch „Nordrhein-Westfalen muss wieder deutsch werden“, mit dem der Kandidat Tritschler auf Listenplatz 13  für die NRW-Landtagswahlt gewählt wurde, durchaus berechtigt gruselige historische Assoziationen.

 

 

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Ein Gedanke zu „Wie die AfD-Jugend mit gekürzten Daten zweifelhafte Propaganda macht

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